Deutsches Filmmuseum in der Trägerschaft des Deutschen Filminstituts – DIF e.V.
STADTSINFONIEN
Filmreihe vom 12. bis 28. Juni

BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT, 1927 In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts entstand im Zuge der zunehmenden Urbanisierung und Technisierung eine aufregend neue Filmform: die Stadtsinfonie, ein nach musikalischen Gesichtspunkten gestalteter Dokumentarfilm über städtisches Leben. Unser Programm vermittelt einen Überblick über die Entwicklung des Genres.

Kinotermine

Fr 12.6. 20.30 Uhr Klassiker & Raritäten
BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT
Deutschland 1927, R: Walther Ruttmann, 65 min
Klavierbegleitung: Ulrich Rügner, Einführung: Franziska Bollerey
BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT, 1927 Die Flutbewegung einer Wasseroberfläche mutiert zu abstrakten Formelementen, aus denen sich in rasantem Tempo der eigendynamische Strom des Lebens und Treibens der Großstadt formt: Mit diesen Bildsequenzen eröffnet Walther Ruttmann BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT (1927). Angetrieben von der sich städtebaulich verändernden Szenerie des 20. Jahrhunderts, gezeichnet von Wachstum und Beschleunigung der Technik, insbesondere der Transport- und Kommunikationsmittel, widmet sich der Film einer modern werdenden Stadt mit ihren öffentlichen Schauplätzen und Menschenmassen als Sujet. Der Euphorie auslösenden, faszinierenden urbanen Bewegungsvielfalt folgend, verlässt die Kamera die kulissenhaften Studiobauten, entdeckt und dokumentiert eine neue visuelle und akustische Welt der Straßen als Tatsachenfixierung. Ihre ungestellten oder rekonstruierten Bilder wirken in der Folge wie zufällig aneinandergeklebte und ungeordnete Episoden, die in der flutenden Assoziation zeitliche und räumliche Porträts des turbulenten Stadtgeschehens erstellen. Durch die Gleichartigkeit und Wiederkehr regelhafter Erscheinungen, inhaltlicher und formaler Analogien lässt sich in jedem Bild, jeder Szene ein optischer Rhythmus entdecken, der einen „Klang” der Bilder (Hans Richter), einer Melodie vergleichbar, produziert. Die Melodie vereint und strukturiert im sinfonischen Rhythmus das Nebeneinander von urbanen Impressionen, Tempo und Dynamik zu keiner hörbaren, dafür aber visuellen Stadtsinfonie.

So 14.6. 20.30 Uhr
ŠAGAJ SOVET Vorwärts, Sowjet
UdSSR 1926, R: Dziga Vertov, 70 min OmÜ
MOSKVA Moskau
UdSSR 1927, R: Mihail Kaufman, Il’ja Kopalin, 60 min, OmÜ
Werke des Genres entstanden nicht selten als Auftragsfilme mit ökonomischen oder politischen Absichten. So propagieren, in der Fülle ihrer gesammelten und ordentlich katalogisierten Bilder, Dziga Vertovs ŠAGAJ SOVET (Vorwärts, Sowjet, 1926) und Mihail Kaufmans und Il’ja Kopalins MOSKVA (Moskau, 1927) den sowjetischen Fortschritt auf dem Gebiet der Zivilisierung und geregelten Urbanisierung zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem. Der erste Film entstand im Auftrag des Moskauer Sowjets, an dessen Auflagen sich Vertov aber nicht hielt, der zweite war vor allem für ausländische Zuschauer gedacht.

Mi 17.6. 20.30 Uhr
RIEN QUE LES HEURES
Frankreich 1926, R: Alberto Cavalcanti, 37 min OF
FUKKO TEITO SHINFONI Sinfonie vom Wiederaufbau der kaiserlichen Metropole
Japan 1929, 32 min OF
Kopie: National Film Center, The National Museum of Modern Art, Tokyo
Klavierbegleitung: Ulrich Rügner, Einführung: Chris Dähne
RIEN QUE LES HEURES Der große internationale Erfolg von BERLIN. DIE SINFONIE DER GROSSSTADT vermochte eine ganze Lawine von Sinfonien auszulösen, darunter die japanische FUKKO TEITO SHINFONI (Sinfonie vom Wiederaufbau der kaiserlichen Metropole, 1929), welche den Wiederaufbau von Tokyo nach dem großen Erdbeben thematisiert. Alberto Cavalcantis RIEN QUE LES HEURES (Nichts als die Stunden, 1926) war einer der ersten „Querschnittfilme”. In kaleidoskopischer Form, unter Einschluss auch von narrativen Elementen, wirft er einen komprimierten und impressionistischen Blick auf Paris von morgens bis mitternachts.

Fr 19.6. 20.30 Uhr
MANHATTA
USA 1921, R: Paul Strand, Charles Sheeler, 12 min OF
TWENTY-FOUR DOLLAR ISLAND: A CAMERA IMPRESSION OF NEW YORK
USA ca. 1925-27, R: Robert J. Flaherty, 13 min OF
SKYSCRAPER SYMPHONY
USA 1929, R: Robert Florey, 11 min OF
A BRONX MORNING
USA 1931, R: Jay Leyda 14 min OF
MANHATTAN MEDLEY
USA 1931, R: Bonney Powell, 10 min OF
FOOTNOTE TO FACT
USA 1933, R: Lewis Jacobs, 8 min OF
PURSUIT OF HAPPINESS
USA 1940, R: Rudolf Burckhardt, 8 min OF
N.Y., N.Y. A DAY IN NEW YORK
USA 1958, R: Francis Thompson, 15 min OF
Einführung: Henning Engelke

MANHATTA

Ein ganzes Programm, der filmischen Avantgarde zuzurechnen ist New York gewidmet. Der künstlerisch autonome Vorläuferfilm der Stadtsinfonien war MANHATTA (1921). Paul Strand und Charles Sheeler gelang es, einen Eindruck der Wolkenkratzer-Architektur und Atmosphäre der Metropole New York beziehungsweise ihres Stadtteils Manhattan mit überwiegend statischen Bildern in geordneten geometrischen Filmreihe Kompositionen zu vermitteln. Unterbrochen von Versen Walt Whitmans, scheinen die kontrastreichen Bilder von Technologie und Natur, Mensch und urbaner Umwelt sich wie der Rauch zwischen den Hochhäusern aufzulösen. Präsentiert wird eine wunderbar restaurierte Fassung von 2008. Robert Flahertys TWENTY-FOUR DOLLAR ISLAND (ca. 1925-27), eine filmische Hommage an den Hafen und die Hochhäuser, und Robert Floreys SKYSCRAPER SYMPHONY (1929), eine Montage von Hochhausansichten, wurden seinerzeit nicht öffentlich vorgeführt. Jay Leydas A BRONX MORNING (1931) montiert Impressionen aus der Bronx zu einem intimen Porträt dieses Stadtteils. In MANHATTAN MEDLEY (1931) zeigt Bonney Powell, ein professioneller Wochenschau Kameramann, in kondensierter Form einen New Yorker Tagesablauf. Beeinflusst von sowjetischen Montagefilmen, zeichnet Lewis Jacobs’ FOOTNOTE TO FACT (1933) ein Bild von der Weltwirtschaftskrise in der Stadt. In PURSUIT OF HAPPINESS (1940) konzentriert sich Rudolf Burckhardt auf die Darstellung von Passanten. Ein später Abkömmling dieses Genres ist Francis Thompsons N.Y., N.Y. A DAY IN NEW YORK (1958), der die Stadt mittels Prismen und Zerrlinsen eindrucksvoll verfremdet.

So 21.6. 18.00 Uhr
WELTSTADT IN FLEGELJAHREN. EIN BERICHT ÜBER CHICAGO
Deutschland 1931, R: Heinrich Hauser, 65 min
HALSTED STREET
USA 1934, R: Conrad Friberg, 15 min OF
THE CITY (Ausschnitt)
USA 1939, R: Ralph Steiner, Willard Van Dyke, 16 min OF
Einführung: Helge Svenshon
Heinrich Hauser wird als Fotograf der „Neuen achlichkeit” zugerechnet. Das gilt auch für seinen Film WELTSTADT IN FLEGELJAHREN. EIN BERICHT ÜBER CHICAGO (1931), ein großangelegtes Porträt dieser Stadt, das sich beeindruckt zeigt von den Hochhäusern und Hochbahnen, aber auch die soziale Wirklichkeit nicht außer Acht lässt. Ganz der letzteren widmet sich HALSTED STREET (1934), ein ungewöhnlicher 16-mm-Film von Conrad Friberg aus dem Umfeld der linken Film & Photo League of Chicago. Aus THE CITY (1939) von Ralph Steiner und Willard Van Dyke, einem eher öden stadtplanerischen Traktat für die Suburbanisierung, läuft der Ausschnitt mit den „sinfonischen” Teilen.

Do 25.6. 20.30 Uhr
REGEN
Niederlande 1929, R: Joris Ivens, 12 min OF
HOOGSTRAAT
Niederlande 1929, R: Andor von Barsy, 12 min OF
Kopie: Österreichisches Filmmuseum, Wien
KLEINER FILM EINER GROSSEN STADT … DER STADT DÜSSELDORF AM RHEIN
Deutschland 1935, R: Walter Ruttmann, 14 min
DANZIG. LAND AN MEER UND STROM
Deutschland 1939, R: Eugen York, 14 min
MÄNNISKOR I STAD Menschen in einer Stadt
Schweden 1947, R: Arne Sucksdorff, 18 min DF
SAUSALITO
USA 1948, R: Frank Stauffacher, 11 min OF
Einführung: Chris Dähne

MANHATTA

Die Sinfonie, bereits als Aufbauprinzip für experimentelle Bildfolgen entdeckt, wird einerseits zum Ausdruck einer visuell rhythmischen, mechanischen Bewegung in analoger Anpassung an die Maschine (Kamera). Andererseits offerieren ihre gegensätzlichen Satzfolgen (schnell-langsam-schnell) und Themen wie Wiederholung, Steigerung und Dehnung der Form verschiedene musikalische und letztendlich filmische Gestaltungsmöglichkeiten. Nicht selten werden die streng thematischen und formalen Muster der Stadtsinfonien von einem poetischen Grundzug überformt, etwa bei Joris Ivens’ REGEN (1929), einer Dokumentation der lebensechten, jedoch flüchtigen Atmosphäre und Menschenbewegung während eines Regenschauers in Amsterdam. Gemäß dem musikalischen Ordnungsprinzip der sinfonischen Form visualisiert der Film das kontrastreiche Bildmaterial multiperspektivischer Darstellungen der Stadt und entwickelt sich seit Mitte der 1920er bis in die 1930er Jahre hinein zu einer virulenten Ausdrucksform der modernen Metropolen. Nicht nur die Dominanz eines urbanen und sozialen Hauptthemas, ohne inszenierten Handlungsablauf und Schauspieler, auch die Analogie der verschiedenen Tempi des Tagesablaufs, durchzogen von industrieller Produktion, prägen die filmische Gesamtmelodie. In der Überlagerung von dokumentarischen Bildern und filmspezifischen Mitteln zeigt die Stadtsinfonie in einer analytischen Sichtweise sachlich und ästhetisch aufbereitete städtische Erfahrungsmuster, die städtebauliche und gesellschaftliche Ansichten zu erfassen versuchen. Als eine medial konstruierte und montierte mögliche Welt schiebt sie sich zwischen die unmittelbar wahrgenommene und tatsächlich existente des Städters. Deren sich dynamisch wandelnde Bilder offenbaren nicht nur eine bereichernde Transformation der Stadt, sondern verbergen gleichzeitig jegliche konkrete Wertung unter lärmender Großstadtfassade.

Nach Beginn der Tonfilmzeit fand das Genre der Stadtsinfonien ein gelegentliches Echo im Bereich des kurzen Kultur-, Werbe- und Reportagefilms von den 1930ern bis in die 1960er Jahre. Dort überlebte wenigstens passagenweise das avantgardistische Formenrepertoire, das in den 1920ern entwickelt worden war, wenn auch die Filme nicht selten einen Spagat zwischen den künstlerischen Intentionen der Filmemacher und den Wünschen der Auftraggeber vollführen. In zwei Programmen zeigen wir Filme von Andor von Barsy, Walter Ruttmann, Eugen York, Arne Sucksdorff, Frank Stauffacher, Herman van der Horst, Herbert Vesely und Jørgen Roos. In den 1980er und 1990er Jahren griff der in San Francisco beheimatete Avantgardefilmer Dominic Angerame in einer fünfteiligen Serie, die er City Symphonies nennt, bewusst auf dieses Konzept der 1920er und 1930er Jahre zurück. In einem fortlaufenden Prozess werden Gebäude ab-, Straßen aufgerissen, Freeways demoliert, teilweise durch menschliche Arbeit, teilweise von modernen Maschinen; der Wiederaufbau dagegen findet mit filmischen Mitteln statt, etwa im Spiel von Licht und Schatten.

Fr 26.6. 18.00 Uhr
ROTTERDAM
Niederlande 1953, R: Herman van der Horst, 15 min OF
DIE STADT
BRD 1960, R: Herbert Vesely, 15 min
DÜSSELDORF – MODISCH, HEITER, IM WIND VERSPIELT
BRD 1961, R: Herbert Vesely, 11 min
EN BY VED NAVN KØBENHAVN Eine Stadt namens Kopenhagen
Dänemark 1960, R: Jørgen Roos, 18 min OF
Hamburg
Dänemark/BRD 1962, R: Jørgen Roos, 11 min
Oslo
Dänemark/Norwegen 1964, R: Jørgen Roos, 12 min OF

Sa 27.6. 22.30 Uhr | Samstagsfilme

CONTINUUM, DECONSTRUCTION SIGHT

CONTINUUM
USA 1987, R: Dominic Angerame, 15 min OF
DECONSTRUCTION SIGHT
USA 1990, R: Dominic Angerame, 13 min OF
PREMONITION
USA 1995, R: Dominic Angerame, 11 min OF
IN THE COURSE OF HUMAN EVENTS
USA 1997, R: Dominic Angerame, 25 min OF
LINE OF FIRE
USA 1997, R: Dominic Angerame, 9 min OF

So 28.6. 20.30 Uhr
BERLIN: SINFONIE EINER GROSSSTADT
DE 2002, R: Thomas Schadt, 80 min
BERLIN: SINFONIE EINER GROSSSTADT, 2002 Auch Thomas Schadt bezieht sich ganz explizit auf Ruttmann, schon im Titel seines Films Berlin: Sinfonie einer Grossstadt von 2002. 75 Jahre nach Ruttmann macht er sich erneut daran, in sinfonischer Form aus Einzelbeobachtungen und Momentaufnahmen einen Tagesablauf in Berlin filmisch zu kondensieren.

Die Stadtfilmreihe enthält etliche Raritäten aus dem Ausland und konnte nur dank freundlicher Unterstützung von Prof. Dr. Franziska Bollerey, der Leiterin des Institute of History of Art, Architecture and Urbanism (IHAAU) der Technischen Universität Delft (Fakultät Architektur), realisiert werden. Die Kopie von FUKKŌ TEITO SHINFONI verdanken wir dem National Film Center, The National Museum of Modern Art, Tōkyō, die von HOOGSTRAAT dem Österreichischen Filmmuseum, Wien. Von den Filmen DIE STADT DER MILLIONEN. EIN LEBENSBILD BERLINS (1925) und SÃO PAULO, A SYMPHONIA DA METRÓPOLE (1929), die wir gerne gezeigt hätten, waren leider keine Kopien verfügbar.

In Zusammenarbeit mit

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Andreas Feininger:
Between black and white

Die filmischen Stadtporträts begleiten auch die berühmten nuancenreichen Schwarzweiß-Fotografien des Künstlers Andreas Feininger von der aufstrebenden Megacity New York, die vom 9. Juni bis zum 30. August in der Kunsthalle Darmstadt zu sehen sind. Die dortige Ausstellung Andreas Feininger: Between black and white. Meisterwerke der Fotografie zeigt mit mehr als 150 Fotografien einen repräsentativen Überblick über Feiningers Werk – und neben seinen Stadtpanoramen auch Naturfotografien.
www.kunsthalle-darmstadt.de

 

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